Offener Brief von Ralph Giordano an das Theater Erlangen

Als Überlebender des Holocaust protestiere ich zunächst einmal im eigenen Namen gegen Ihre Absicht, ,Die Wölfe‘ aufzuführen, weil mich Ihre Argumente in keiner Weise überzeugen. Ich erspare mir, Ihnen Details der Rehberg’schen Vita vom Eintritt in die NSDAP 1930 bis zu seiner Hymne zu ,Führers‘ 50. Geburtstag zu rekapitulieren …

Pressemitteilung

Als Überlebender des Holocaust protestiere ich zunächst einmal im eigenen Namen gegen Ihre Absicht, ,Die Wölfe‘ aufzuführen, weil mich Ihre Argumente in keiner Weise überzeugen. Ich erspare mir, Ihnen Details der Rehberg’schen Vita vom Eintritt in die NSDAP 1930 bis zu seiner Hymne zu ,Führers‘ 50. Geburtstag zu rekapitulieren — Sie kennen ein politisches Sündenregister, das nicht mit dem 8. Mai 1945 gerechnet hat. Wo, um Himmels willen, kommt in dieser Vita eine „ambivalente Haltung zur Diktatur“ zum Ausdruck? Sie glauben doch nicht im Ernst, dass dieser Hitler-Verherrlicher die NS-Gesellschaft als Diktatur empfunden hat? Und dass sein Stück ,Die Wölfe‘ einen anderen als ns-apologetischen Charakter und Tenor hatte? Was wird da posthum in ein einschlägiges Machwerk projiziert, um die unverzeihliche Wiederaufführung zu rechtfertigen — Mittel der ironischen Distanzierung, das Aus- und Bloßstellen politischer Haltungen, Kritik am Text?
Was in den Köpfen und Herzen deutscher Männer und Frauen nach vier Jahren Krieg vorging — das soll der Angriff eines Dönitz-U-Bootes auf ein britisches Schiff demonstrieren? Diese Angriffe haben auch Tausenden und aber Tausenden von anglo-amerikanischen Seeleuten das Leben genommen — ein Molekül nur der 50 Millionen Toten, die der von Hitler-Deutschland ausgelöste verbrecherische Angriffskrieg auf Europa und die Welt die Menschheit gekostet hat.

Es ist ganz charakteristisch für die Auseinandersetzung mit der Nazizeit, dass sich dabei nur zu einem Bruchteil mit den deutschverursachten Opfern befasst wird, der ,Rest‘ aber mit den Tätern oder im Dienste von Täterschaft. So weit ist es also 2003: Das Stück eines Mannes, der da ,dichtete‘: Der Führer, den wir blind, auch du wie ich, begleiten. Seit langer Zeit, war mächt’ger als ein Mann begriff . . .’ kommt unter dem Vorwand, die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu fördern, erneut auf die Bühne, wenn auch ,in ironischer Distanzierung‘. . . . Wie das? Bringen Sie nun Rehberg auf die Bühne oder das, was Sie aus ihm machen? Beides ist unerträglich.

Meine Familie und ich, Frau Dhein, haben diesen ,Führer‘ nicht blind begleitet, sondern über mehr als ein Jahrzehnt gefürchtet. Diese Furcht vor dem jederzeit möglichen Gewalttod war zu unserem zentralen Lebensgefühl geworden, von meinem zehnten bis zu meinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr.

In dieser Spanne war Rehberg nie etwas anderes als ein Feind. Und wenn die deutschen U-Boote ihren Teil dazu beigetragen hätten, den Zweiten Weltkrieg auch nur um eine einzige Woche zu verlängern, dann wären wir in unserem illegalen, nassen, dunklen, rattenverseuchten Kellerloch da oben im Norden Hamburgs, in das wir vor der Deportation geflohen waren, Hungers gestorben.

Wir haben nach der Befreiung vom 4. Mai 1945 durch die 8. Britische Armee vieles einstecken müssen, so auch, dass dem größten geschichtsbekannten Verbrechen mit Millionen und Millionen Opfern, die wohlbemerkt hinter den Fronten umgebracht worden sind wie Insekten, das größte Wiedereingliederungswerk für Täter gefolgt ist, das es je gegeben hat.

Von Ausnahmen abgesehen, sind sie nicht nur straffrei davongekommen, sondern konnten ihre Karrieren auch unbeschadet fortsetzen. 32 000 aktenkundige politische Todesurteile — Kopf ab, Kopf ab, Kopf ab — wegen nichts, wegen Bagatellen. Aber kein einziger dieser NS-Blutrichter und -Ankläger ist je rechtskräftig verurteilt worden.

Und die Organisatoren des Holocaust, die Bauherren von Auschwitz unter dem Dach der Mordzentrale Reichssicherheitshauptamt, sie sind nie vor Gericht kommen. Mit anderen Worten: Es konnte so gut wie straflos massen- und millionengemordet werden.

Nun auch noch Ihr Molekül . . . Zu was auch immer Hans Rehbergs ,Die Wölfe‘ in der Aufführung des Theaters Erlangen mutieren würden, ich fühle mich persönlich tief verletzt durch sie, und mit mir, darf ich dank daseinslanger Amalgamierung sagen, auch die jüdische Gemeinschaft in ganz Deutschland, wenn auch keineswegs nur sie.

Das ausdrückliche Placet des Oberbürgermeisters von Erlangen, Dr. Siegfried Balleis, zur Aufführung des Stücks fügt dieser Beschädigung seinen Teil hinzu.“

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