Letzte Klappe für „Die Straßen von Erlangen“

Reality-TV in Erlangen: Ein Fernsehteam der Süddeutschen TV-Produktionsgesellschaft begleitete inzwischen zum zweiten Mal den Außendienstmitarbeiter des Sozialamtes bei seinen Hausbesuchen. Ausgestrahlt wurden beide Sendungen im April 2003 und im Juni 2004 im Programm des Privatsenders „VOX“. Anmoderation der ersten Sendung: „Auf den Straßen von Erlangen auf dem Weg ins Elend. Reinhold Wießner ist Sozialermittler, Spion, Detektiv, Verwalter der Armut …“. Die Grüne Liste vertritt die Meinung, dass unabhängig davon, wie man diese Art von Öffentlichkeit beurteilt, es nicht zur Diffamierung von Personen führen darf. Nun dürfte die letzte Klappe gefallen sein …

Pressemitteilung

„Die einen können sich besser helfen, weil sie eben vom lieben Gott, sag ich mal, mehr mitbekommen haben, und die anderen können des weniger, zum einen. Zum anderen sind das oft Hilfeempfänger, die schon in der ersten, zweiten oder gar dritten Generation in Bezug stehen. Und sie und die Kinder von den Leuten haben nichts anderes gelernt und erlebt und erfahren, als dass der Staat immer hilft. Man muss nur gewissermaßen den Katalog aufschlagen und bestellen und dann kommt schon jemand gesprungen.“ Reinhold Wießner, Außendienstmitarbeiter des Sozialamtes, erzählt vor der Kamera

Reality-TV in Erlangen: Ein Fernsehteam der Süddeutschen TV-Produktionsgesellschaft begleitete inzwischen zum zweiten Mal den Außendienstmitarbeiter des Sozialamtes bei seinen Hausbesuchen. Ausgestrahlt wurden beide Sendungen im April 2003 und im Juni 2004 im Programm des Privatsenders „VOX“. Anmoderation der ersten Sendung: „Auf den Straßen von Erlangen auf dem Weg ins Elend. Reinhold Wießner ist Sozialermittler, Spion, Detektiv, Verwalter der Armut. Er prüft die sogenannte Bedürftigkeit.“ Anmoderation ein Jahr später: Reinhold Wießner aus Erlangen, Sozialermittler. Wir begleiten ihn und seine Fälle schon seit einem Jahr – viele Bedürftige, aber auch einige Betrüger“.
Der Ermittler recherchiert und kombiniert, befragt Nachbarn und schließt aus einer Männerjacke im Flur auf eine verschwiegene Lebensgemeinschaft. In beiden Sendungen werden Personen mit vollen Namen vorgeführt und ihre Wohn- und Lebensverhältnisse voyeuristisch ausgeleuchtet. Ein „junger Freund, der eine Lehre begangen hat als Koch“, aber gekündigt wurde, ist nun dem Fernsehpublikum nicht nur namentlich, sondern auch mit Kündigungsgrund bekannt.

Vor der Kamera kommentiert Wießner die einzelnen Stationen seines Rundgangs: „Da war ich schon einmal. Und die Leute, die gehen auch davon aus, dass das Sozialamt eine Art Selbstbedienungsladen ist, wo man bestellen kann, da kostet es nichts, und da muss man halt ein bisschen auf die Tatsachen hinweisen.“ Kommentar der Moderation: „Den Kommunen entsteht durch unberechtigte Anträge ein Schaden von 40 Mio Euro jährlich.“ Der Fall: Die Familie hat einen neuen Teppich beantragt. Wießner hält den alten aber noch für zumutbar. Sie sollen sich Klebeband kaufen und ihr Kind erziehen, dass es nicht daran herumzupft. Mit Erziehungsberatung geizt er auch sonst nicht und ermahnt eine Mutter: „Aber das bringt nichts, wenn sie ihn (den Sohn) nur schimpfen. Spielen sie mit ihm ein bisschen Mensch-ärgere-dich-nicht.“

Diese Zitate sprechen für sich, könnte man meinen. Eigentlich hätte spätestens nach der Ausstrahlung der ersten Sendung die Mitwirkung an TV-Produktionen aus der Rubrik „Auf den Straßen von Erlangen“ als peinlicher Ausrutscher gesehen werden müssen. Vielleicht wäre auch eine Qualitätsprüfung der dargestellten Arbeit des Sozialamtes an der Reihe – eigentlich.
Otto Vierheilig, Leiter des Sozialamtes, erteilte die Drehgenehmigungen und bleibt selbstbewusst. Rückendeckung erhält er von der Sozialreferentin und Bürgermeisterin Dr. Elisabeth Preuß. Vierheilig versteht die ganze Aufregung nicht und stellt sich in einem Gespräch mit der Grünen Liste ausdrücklich hinter die Arbeit seines Außendienstmitarbeiters und diese Art von „Öffentlichkeitsarbeit“. Von solchen PR-Shows will er auch zukünftig kein Stückweit abrücken, sie würden die Aufgaben des Sozialamtes transparent machen und zu mehr Akzeptanz beitragen.
Erst an der Haustüre wurde den Betroffenen eine Einverständniserklärung zum unterschreiben vorgehalten. Würden sie ein paar Tage vorher informiert und ihnen Bedenkzeit eingeräumt werden – so lautet die Mindestforderung der Grünen Liste – seien die Aufnahmen nicht mehr authentisch. Alle hätten die Mitwirkung verweigern können, niemand hätte unterschreiben müssen, meint der Sozialamtsleiter. Dass sich BezieherInnen von Sozialhilfe nicht trauen abzulehnen, da sie nachteilige Folgen befürchten, lässt er nicht gelten. Schließlich seien auch Absagen vorgekommen. Sein Außendienstmitarbeiter ergänzt: Einige seiner „Kunden“ wären sogar froh darüber, endlich Aufmerksamkeit für ihre schwierige Lage zu erhalten.

„Kundin“ F. hätte auf solche Aufmerksamkeit gerne verzichtet. Gegenüber der GL und später auch im Sozial- und Gesundheitsausschuss des Erlanger Stadtrates erläuterte sie, dass sie sich an der Haustüre nicht in der Lage gesehen habe, das Fernsehteam abzuweisen. Vor der Ausstrahlung der Sendung wollte sie aber telefonisch und brieflich bei der Produktionsfirma ihr Einverständnis widerrufen oder wenigstens erreichen, dass ihre Person unkenntlich gemacht wird. Vergebens, die entsprechenden Aufnahmen wurden unverändert ausgestrahlt.

Bereits im letzten Jahr, als die erste Sendung über die Bildschirme flimmerte, gingen Beschwerden bei der Stadt ein: „Es ist unbegreiflich, wie es zugelassen werden konnte, dass hilfsbedürftige Bürger der Stadt Erlangen unter Mithilfe eines städtischen Bediensteten als ‚Sozialbetrüger‘ vor einem Millionenpublikum diffamiert werden. Auch eine von den Betroffenen in einer Überrumpelungsaktion eingeholte Sendeerlaubnis kann nicht als Rechtfertigung dienen. Zu der beschämenden Situation der Betroffenen nicht aus eigener Kraft ihren Lebensunterhalt sichern zu können, kommt nun auch die Bloßstellung in ihrem sozialen Umfeld. Nicht zuletzt auch durch die teilweise abfälligen Anmerkungen des städtischen Bediensteten. Wir bitten Sie Sorge zu tragen, dass Bürger der Stadt Erlangen zukünftig vor solchen Aktionen, die einen groben Vertrauensmissbrauch darstellen, geschützt werden“ (Auszug aus einem Brief an den Oberbürgermeister und die Fraktionen vom 2.5.04).

Auch die Grüne Liste vertritt die Meinung, dass unabhängig davon, wie man diese Art von Öffentlichkeit beurteilt, es nicht zur Diffamierung von Personen führen darf. Nach vergeblichen Gesprächen mit der Sozialamtsleitung wurde beantragt, dass keine Drehgenehmigungen mehr erteilt oder hilfsweise die Betroffenen wenigstens mehrere Tage vorher informiert werden. Im Sozial- und Gesundheitsausschuss am 29. Juni stand der GL-Antrag auf der Tagesordnung und wurde vertagt.

In der Sitzung am 6. Oktober 2004 dürfte die letzte Klappe gefallen sein. Der Sozial- und Gesundheitsausschuss beschloss, dass künftig keine Drehgenehmigungen mehr erteilt werden. Sozialamtsleiter Vierheilig entschuldigte sich in dieser Sitzung öffentlich bei den Betroffenen. Anlass dieser Geste war vor allem eine Stellungnahme der Datenschutzbeauftragten im Zusammenhang mit dem GL-Antrag. Darin wird ausgeführt, dass bei diesen TV-Produktionen in vielerlei Hinsicht die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen ignoriert wurden.

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