Gedenken am Volkstrauertag

Die Grüne Liste hat beantragt, dass die städtische Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag zukünftig etwas anders gestaltet wird: So soll auf die Beteiligung der Bundeswehr bei der Veranstaltung zum Volkstrauertag in Erlangen zukünftig verzichtet und die Deserteure der Wehrmacht geehrt werden. Alle anderen Fraktionen lehnten den Antrag ab.

Stadtratsantrag

Jedes Jahr lädt der Oberbürgermeister zu einer offiziellen Trauerkundgebung anlässlich des Volkstrauertages am Ehrenfriedhof ein. Auch dieses Jahr wurde wieder die Bundeswehr miteinbezogen, was zu Protest Anlass gab (siehe EN v. 14.11.2005). Neben der in den EN wiedergegebenen Ansicht, „dass Militärs nicht geeignet seien, an den Feiern zum Volkstrauertag  mitzuwirken“ ist die Bundeswehr ja nicht gerade bemüht, sich umfassend von der Wehrmacht zu distanzieren, die an unzähligen Kriegsverbrechen beteiligt war.

Wir beantragen dazu:

          Auf die Beteiligung der Bundeswehr bei der Veranstaltung zum Volkstrauertag in Erlangen wird zukünftig verzichtet.

          Die Stadt Erlangen – vertreten durch den Oberbürgermeister – legt zukünftig auch einen eigenen Kranz für die Deserteure der Wehrmacht nieder. Ausdrücklich werden auch diejenigen erwähnt, die auf einer anderen Seite (Alliierte und PartisanInnenverbände) gegen den NS-Faschismus gekämpft haben.

Über 100.000 deutsche Soldaten desertierten im Zweiten Weltkrieg. 22.750 so genannte Fahnenflüchtige wurden von der Wehrmachtsjustiz erbarmungslos zum Tode verurteilt. Viele bezahlten ihre Courage noch in den letzten Kriegstagen mit dem Leben.

Andere konnten die Seiten wechselten und waren bei den Alliierten oder in den Widerstandsbewegungen – z. B. in Frankreich und Italien – aktiv an der Befreiung vom Nationalsozialismus beteiligt.

 

Zweckorientierte Kriegsinterpretationen und verklärende Kriegserinnerungen führten in der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu einer Ächtung der Deserteure. Die Bundesregierungen ließen sich bis 2002 Zeit, Deserteure zu rehabilitieren. Wer sich jedoch den Widerstandsverbänden anschloss, bleibt weiter von der Rehabilitation ausgeschlossen.

 

Anmerkung:

Wenig Gegenliebe fand der Antrag, als er Ende September – 10 Monate nach Antragsstellung – im Haupt-, Finanz- und Personalausschuss behandelt wurde. Beschlossen wurde nur ein Arbeitskreis zwischen Verwaltung und Stadtratsfraktionen, der sich mit der zukünftigen Gestaltung des Volkstrauertages in Erlangen befassen soll. Bereits beim ersten Treffen am 9. Oktober machten die Verwaltung und die CSU-Fraktion deutlich, dass sie an keiner Veränderung der bisherigen Praxis interessiert sind. Beispielsweise soll auch zukünftig jedes Mal „Der gute Kamerad“ angestimmt werden. Diese Ode an den sterbenden Soldaten wurde 1809 vom Germania-Burschen­schafter Ludwig Uhland gedichtet. Es spielt heute noch eine Rolle im Trauerzeremoniell der Bundeswehr und in „Trauerkneipen“ von Burschenschaften.

In der Sitzung des Haupt-, Finanz- und Planungsausschuss am 18. Oktober lehnten alle anderen Fraktionen (CSU, SPD, FDP/FWG, ÖDP) den GL-Antrag ab. Deserteure werden auch zukünftig nicht erwähnt. Schließlich werde „allen Opfern“ gedacht – in dieser Rubrik seien auch die Deserteure enthalten.

So bleibt in Erlangen alles beim Alten. Auch frühere Initiativen für eine Anerkennung von Deserteuren wurden kategorisch abgelehnt. Bis heute erinnern nur wenige Sädte an Kriegsdienstverweigerer oder „Fahnenflüchtige“. Am gleichen Tag, als der GL-Antrag im Stadtrats­ausschuss ablehnend diskutiert wurde, beschloss der Kölner Stadtrat indes, Deserteuren und „Wehr­kraft­zer­setzern“ ein Denkmal in der Millionstadt zu widmen.

 

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