Besuch in San Carlos

Eine Stadtratsdelegation aus Erlangen besuchte die Partnerstadt in Nicaragua.

Die Bürgermeisterin von San Carlos, Dr. Marisol de Los Angeles McRea-Quioz, besuchte im Rahmen eines Partnerstädtetreffens im Oktober letzten Jahres Erlangen. Dabei regte sie einen besseren persönlichen Kontakt zwischen den Städten an, der die Partnerschaft vertiefen könnte. Ihr wurde zugesagt, dass im Februar 2006 eine Erlanger Delegation San Carlos besuchen würde. Nun reiste diese Delegation vom 24.2 bis zum 4.3.06 via München, Madrid, Miami, Managua nach San Carlos. Es war der erste offizielle Besuch von Erlanger StadträtInnen seit Beginn der Partnerschaft 1990. Neben dem Oberbürgermeister und seiner Ehefrau, SPD-Stadtrat Josè Luis Ortega, CSU-Stadtrat Robert Kleemann und Dagmar Paliwal (Partnerschaftsbeauftragte der Stadt Erlangen), nahm auch ich als Vertreter der Grünen Liste an dieser Informationsreise teil.

Nach einem herzlichen Empfang auf der Schotterpiste des Tropenflughafens stand zunächst ein kurzer Stadtrundgang und die Besichtigung des neuen Internetcafes auf dem Programm. Der Anschluss an das World Wide Web ist gerade für eine abgelegene Stadt wie San Carlos enorm wichtig, da ansonsten Informationen nur sehr gefiltert und spärlich erhältlich sind. Dieses Cafe wird auch rege von Jugendlichen und Heranwachseden genutzt, obwohl die Analphabetenrate wieder auf fast 50% gestiegen ist. Unter der sandinistischen Regierung bis 1990 konnte sie auf Grund der Alphabetisierungskampagnen auf unter 20% gesenkt werden.

Nachmittags fuhren wir zu dem traumhaft schönen Inselarchipel von Solentiname. Dort hatte Ernesto Cardenal seine erste Commune und in den 80er Jahren europäische Gewerkschaftler ein Bildungszentrum eingerichtet. Von der Commune ist noch das von den BewohnerInnen betriebene Kunsthandwerk erhalten – Figuren aus Balsaholz und naive Tropenmalerei. Auch das Bildungszentrum gibt es noch, es dient heute der Ernesto Cardinal Gesellschaft als Hotel. Die Kirche von Ernesto Cardinal wird gerade restauriert. Fahrzeuge gibt es auf diesen Inseln nicht, alles wird von Hand oder auf den Rücken von Eseln getragen.

Ausritt in der Umgebung von San Carlos
Ausritt in der Umgebung von San Carlos

Zukunftschance für San Carlos: Ökotourismus

Zu einer abenteuerlich geführten Dschungelwanderung durch das Naturschutzgebiet von Los Guatuzos brachen wir am nächsten Tag auf. Ein roter Pfeilgiftfrosch, Kaimanzuchtstation, handtellergroße Schmetterlinge, Schildkröten, Kraniche, Weißkopfadler, Brüllaffen und Orchideen begleiteten uns auf dem zweistündigen Rundgang. Auch der Gang über eine ca. 300 m lange Hängebrücke durch die Wipfel der Urwaldriesen in bis zu 20 m Höhe war ein bleibendes Erlebnis.

Tags darauf fuhren wir zurück nach San Carlos und besichtigten zunächst die staatliche Klinik von San Carlos. Vorbildlich und sauber war die neuen Abteilung, die vor zwei Jahren für pränatale Vorsorge eingerichtet wurde. Schwangere können sich hier bis zu sechs Wochen vor der Geburt erholen. Mit einem Power-Point Vortrag wurde uns anschließend ca. eine Stunde Zahlen über Bettenkapazitäten, Verweildauer und ähnlichen präsentiert.
Es folgte ein Rundgang durch die Klinik. Unglaubliche hygienische Verhältnisse erwarteten uns. Hunde und Katzen zwischen den Krankenbetten; offene Regenwasserkanalisation; aufgerissene Matratzen, auf denen PatientInnen ohne Laken lagen; Spritzen, Kanülen sowie zerbrochenen Infusionsflaschen lagen auf den Boden. Dazwischen wuselten barfuss laufende Kinder.
Dieses Krankenhaus war wohl für alle das erschütternste Erlebnis auf dieser Reise. Später sagte mir Josef Birkmann, ein in San Carlos lebender Niederbayer: „In dieses Krankenhaus geht man zum Sterben. So sagen es die Leute hier“.

Danach besuchten wir auch noch die Clinica San Lucas – ein privates Gesundheitszentrum der katholischen Kirche, das hauptsächlich von Spendengeldern aus Europa finanziert wird. Auch die Grüne Liste hat insgesamt 1000.- Euro für eine OP-Lampe und einen Wehenschreiber beigesteuert. Die Leiterin dieses Krankenhauses, Hilde Düvel, sammelt regelmäßig Spenden in Europa. San Lucas machte insgesamt einen soliden und hygienischen Eindruck.

Anschließend ging ich noch mit Josef Birkmann ein Bier trinken. Er wusste viel zu erzählen: Unter anderem, dass der stellvertretende Bürgermeister zusammen mit einem Minister aus Managua illegal Lizenzen für Holzfällfirmen im Urwald vergeben hat, oder dass illegale Orangenplantagen im Urwald für die Orangensaftfirmen in Costa Rica angelegt wurden. Auch berichtete er über eines der derzeitigen Hauptprobleme unter dem San Carlos z.Z. leidet: Mücken!
Ab 18 Uhr erstirbt schlagartig jedes öffentliche Leben in San Carlos. Die Straßen der Stadt sind fest in der Hand der „Chayules“ – Billionen winziger grüner Mücken. Sie stechen zwar nicht, aber verstopfen Nase, Ohren und Augen. Man läuft wie in einem dichten undurchsichtigen Schneetreiben. Das Leben findet nur noch in fest verschlossenen und verdunkelten Räumen statt. Diese Mücken treten nur in San Carlos und im sumpfigen Dschungel auf, nicht auf den Inseln. Birkmann arbeitet zur Zeit bei einem Projekt, das dieses Mückenproblem mit biologischen Methoden lösen will.

Auch einer „Cabildo“ konnten wir beiwohnen: einer Bürgerversammlung mit öffentlichen Rechenschaftsbericht über den Haushalt 2005. Die Bürgermeisterin ist Sandinistin und fünf der elf Stadträte sind Liberale oder Konservative – trotzdem war keinerlei Kritik an der Stadtführung durch die Opposition zu hören. Marisol scheint sich unangefochtener Beliebtheit zu erfreuen. Selbst in Managua wurde ich auf den Flughafen vor unserem Rückflug von einem deutschen Reisevertreter auf Marisol hin angesprochen. Im Rahmen dieser Cabildo wurde auch die erste Erlanger Rate in Höhe von 7.500   für das geplante postoperative Haus in der staatliche Klinik übergeben.

Weiter geht’s im Programm: In ganz Mittelamerika wird der Abschluss einer „Fachhochschule“ in San Carlos anerkannt. Sie besteht aus vier kleinen Klassenzimmern, eine kleine Bibliothek und drei Computern.

Den Rio San Juan überschritten wir am vorletzten Tag und besuchten die Nachbargemeinde El Castillo, eine spanischen Urwaldfestung aus dem Jahre 1675. Sie wurde zum Schutz gegen Piraten und britischen Eroberer errichtet. Nach Auskunft der Museumsleitung sei die Festung erst durch Admiral Nelson eingenommen worden.

Zurück in San Carlos schauen wir noch beim Kindergarten und der Schule vorbei. Am Abend überreichte die Bürgermeisterin uns eine Vereinbarung zwischen der Stadtverwaltung und der Klinikverwaltung, danach wird eine Grundreinigung der Klinik sofort in Angriff genommen und eine Hygienebeauftragte ernannt. Es bleibt zu hoffen, dass es nicht nur bei dieser Vereinbarung bleibt.

Am letzen Tag gab es noch ein Gespräch im Rathaus mit der städtischen Verwaltung sowie ein Interview mit den zwei großen Zeitungen Nicaraguas. Dann machten wir uns wieder auf den Weg Richtung Managua, Miami, Madrid, München, Frankfurt, Erlangen.

San Carlos hat keine Industrie, aber etwas Landwirtschaft, Fischfang und eine Orangenplantage. Die Bürgermeisterin Marisol setzt auf sanften Ökotourismus aufgrund der einmaligen Lage am Rande des tropischen Dschungels. Dieser Tourismus kann und will nicht mit dem Massentourismus in der Karibik oder im Pazifik konkurrieren.
Dafür werden gerade die Straßen der Stadt in atemberaubender Eile saniert. Aufgrund einer Gesetzesänderung muss die Bürgermeisterin nicht mehr Bauaufträge landesweit ausschreiben. Nun müssen nicht mehr teure Betonsteine aus Managua herangekarrt werden, sondern es werden örtliche Natursteine in ein Betonbett verlegt. Dieser Straßenbau kostet ein Drittel weniger und ist doppelt so haltbar, da die Pflastersteine nicht mehr vom Regenwasser unterspült werden können.
Der Dschungel selbst ist nur in kleinen Booten zu erreichen. Auch die ökologischen Bekämpfung der „Chayules“ soll einem ökologisch-verträglichen Tourismus den Weg bereiten.

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war San Carlos eine blühende Handelsstadt am Eingang des Rio San Juan, der in den riesigen Nicaragua-See mündet. In diesem See leben die weltweit einzigartigen Süßwasser-Haie. Die Blüte verdankte die Stadt der Tatsache, dass der schnellste Weg zwischen New York und Los Angeles über den Rio San Juan, dem Nicaragua-See in den Pazifik führte. Lediglich 13 km Landweg mussten für diese Strecke in Kauf genommen werden.
Alexander von Humboldt war während seiner großen Lateinamerikareise in San Carlos zu Gast und berichtete in seinen Aufzeichnungen, wie er von diesem Platz aus die Krokodile am anderen Ufer des Rio San Juan beobachten konnte. Auch Mark Twain besuchte San Carlos und beschreib den Ort in seinen Reiseberichten aus Mittelamerika. Die verkehrstechnische Bedeutung San Carlos verschwand mit dem Bau des Panamakanals.

Solche Partnerschaftsreisen haben für San Carlos einen hohen Stellenwert. Eine Zukunftschance ist der Tourismus: Die sanfte und ökologische Vermarktung seiner Naturschönheiten in Zusammenarbeit mit den Partnerstädten Groningen, Witten a.d. Ruhr, Nürnberg, Erlangen, Linz in Österreich und San Carlos in Californien.

Schreibe einen Kommentar