
Am 30. April war die letzte Sitzung des Stadtrats für die Legislaturperiode 2020–2026 – und damit auch der Abschied von 3 Stadträt:innen: Andrea Winner, Helmut Wening und Peter Weierich. Das Schlusswort für unsere Fraktion hielt Andrea Winner:
„Liebe Kolleg:innen, liebe Gäst:innen,
als Kontrastprogramm zur traditionellen Rede des ältesten ausscheidenden Stadtratsmitglieds hat mich meine Fraktion als jüngstes Stadtratsmitglied gebeten, die Schlussworte der Grüne Liste -Fraktion zu halten. Das mache ich sehr gerne und möchte herzlich dazu einladen, anhand von Anekdoten über junge Menschen in der Politik zu reflektieren.
Foto v. l.: Peter Weierich, Christian Eichenmüller, Andrea Winner, Christian Zwanziger, Dominik Sauerer, Eva Linhart, Marc Urban, Helmut Wening
Als ich mit 18 gewählt wurde, erhielt ich Glückwünsche, aber auch Skepsis: „Schau mer mal, ob sie sich als genug erweist.“ Zwar wächst man in neue Rollen hinein, doch diese Skepsis traf nicht alle Neuen. Ich war seit Jahren politisch und ehrenamtlich aktiv – teils länger als andere…
– Wer sich jetzt Gedanken zu Selbstüberschätzung macht, den kann ich beruhigen. Ich bin immer noch eine Frau, da ist das quasi ausgeschlossen. –
Aber der entscheidende Unterschied zu anderen: Sie waren deutlich älter. Während für sie die erfolgreiche Wahl ausreichte, fühlte es sich für mich wie eine Probezeit an.
Hinter dieser Ungleichbehandlung liegt – bewusst oder unterbewusst – die Annahme, dass Alter qualifiziert. Und ich liebe diese Vorstellung. Kompetenz wächst automatisch mit den Jahren, Probleme lösen sich in der alternden Gesellschaft von selbst. Aber nope, das ist leider nicht unsere Realität. Und da sagt man jungen Menschen nach, sie seien naiv…
Als ich später den Vorsitz im Jugendhilfeausschuss übernahm, dachte ich: „Nice, nicht nur ich traue mir das zu, andere auch“. Der erste Kommentar, den ich bekam, lautete: „So eine hübsche Ausschussvorsitzende hatten wir noch nie.“ Ok, sorry mein Fehler als Frau, zu denken, es ginge tatsächlich ums Beweisen und meine Kompetenzen.
Es sind oft die kleinen Dinge die zeigen: Man gehört nicht ganz dazu. Mikroaggressionen, wie z. B.
- der Ältestenrat: die Welt sähe traurig aus, wenn ich eine der ältesten sein soll
- Lieb gemeintes Feedback „Machst du echt gut“ aber mit der unausgesprochenen Beinote von „…für dein Alter.“ Als käme es überraschend, dass junge Menschen gut arbeiten könnten.
- Oder mein größtes Lowlight als im Verlauf einer Schulfeierlichkeit mehrfach gefragt wurde, ob ich mich verlaufen hätte, der Unterricht finde ein Stockwerk höher statt. Da liegt meine Daseinsberechtigung einfach außerhalb der Vorstellungskraft.
Der einzige Trost dabei war, die entgleisenden Gesichter zu sehen, wenn ich mich dann als Stadträtin und zeitweise als Fraktionsvorsitzende vorstellen konnte.
Das mag amüsant wirken, zeigt aber ein grundlegendes Problem: Wenn junge Menschen – besonders junge Frauen – weniger ernst genommen werden, liegt es strategisch nahe, andere vorzuschicken, um Mehrheiten zu gewinnen. Doch das ist falsch und kann nicht das Ziel sein.
Politik braucht die Vielfalt der Gesellschaft: Alter, Geschlechtsidentität, Migrationsgeschichte, Behinderung, Elternschaft, Einkommen und vieles mehr. Nur so behalten wir unterschiedliche Perspektiven im Blick und finden die besten Lösungen. Aber wir müssen auch gemeinsam die Chancengerechtigkeit herstellen. Beispielhaft heißt das für junge Menschen: von Parteien, auf aussichtsreiche Plätze gewählt zu werden, Vertrauen und Verantwortung zu erhalten und echte Unterstützung zu erfahren. Das ist mein Appell an alle demokratischen Kräfte im Raum: Traut euren jungen Menschen was zu! Sie werden das großartig meistern.
Und so wie es sich gehört, werde ich als älter gewordene Stadträtin nun den Platz für jüngere frei machen, z.B. für das neue jüngste Stadtratsmitglied Jasmin Fleißgarten aus der GL-Fraktion. Und ich hoffe sehr, dass sie ernster genommen wird. Einerseits für Jasmin und andererseits auch für alle anderen. Sie hat nämlich richtig was drauf.
Abschließend möchte ich mich im Namen meiner Fraktion bei allen Demokrat:innen im Stadtrat, der Verwaltung, den verschiedensten Vertreter:innen von Organisationen und Initiativen und der Zivilgesellschaft ganz herzlich für die gute Zusammenarbeit und die schöne Zeit bedanken! Es war nicht immer leicht, aber es war fast immer sehr konstruktiv und zum Wohl der Menschen in Erlangen. Und das ist das Wichtigste!
Vielen Dank!“